Die syrische Religionspolitik im Rampenlicht

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Neue Zürcher Zeitung, 1. Oktober 2008

Die Pilgerstätte Sayyida Zeinab – Zentrum transnationaler schiitischer Netzwerke

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich der schwere Anschlag vom letzten Samstag in Damaskus gegen die schiitische Pilgerstätte Sayyida Zeinab gerichtet hat. Sayyida Zeinab, ein mehrheitlich schiitischer Vorort von Damaskus, spielt eine wichtige Rolle in Syriens Religionspolitik und ist ein Zentrum transnationaler schiitischer Netzwerke.

Eine halbe Fahrstunde vom Damaszener Stadtzentrum entfernt liegt die schiitische Pilgerstätte Sayyida Zeinab. Dieser Vorort hat mit den Symbolen der wirtschaftlichen Öffnung Syriens – mit den Glasfassaden der neuen Banken und den schicken Restaurants in der Altstadt – wenig gemein. Hier stehen halb verfallene Häuser, die Nebenstrassen sind oft ungeteert, und unweit der Hauptstrasse türmen sich Abfallberge. Die meisten Einwohner von Sayyida Zeinab sind Zwölferschiiten, viele von ihnen irakische Flüchtlinge. Sie beschweren sich darüber, dass die syrische Regierung die Einnahmen aus dem Pilgertourismus nicht für die Entwicklung Sayyida Zeinabs einsetzt. Die meisten dieser Pilger stammen aus dem Irak, aus Iran oder den Golfstaaten.

Die Rolle der Alawiten und Shirazis

Das Zentrum der Pilgerstätte, das Grabmal für Sayyida Zeinab, die Tochter des Imam Ali, wurde mit iranischer Unterstützung renoviert. Hinter dem Grabmal lassen schiitische Geschäftsleute aus Kuwait eine Überbauung errichten, die luxuriöse Appartements und auf den Pilgerstrom ausgerichtete Läden enthält. Wieso aber gibt es eine derartige schiitische Enklave in einem Land, dessen grosse Mehrheit sunnitisch ist und dessen christliche Minderheit ebenfalls keine besondere Affinität zu ausländischen Schiiten hat? Viele syrische Politiker sind Alawiten, Angehörige einer schiitischen Sekte, die nicht von allen schiitischen Religionsgelehrten als orthodox anerkannt wird. Der frühere Präsident Hafez al-Asad, selber ein Alawit, bemühte sich um die Anerkennung seiner Sekte und veranlasste 1973 den libanesischen Religionsgelehrten und Führer der Amal-Bewegung Musa Sadr dazu, die Alawiten anzuerkennen. Die konziliante Politik gegenüber den Schiiten in Sayyida Zeinab war einer der Beweggründe für diese Anerkennung.

Auch haben die guten Beziehungen Syriens zu Iran und die Konkurrenz zwischen dem syrischen und dem irakischen Baath-Regime die Syrer dazu bewogen, irakische und andere schiitische Oppositionsbewegungen in Sayyida Zeinab zumindest zu dulden. Der sunnitischen Opposition, allen voran dem Führer der syrischen Muslimbrüder im Exil, Muhammad al-Bayanouni, ist diese Religionspolitik ein Dorn im Auge. Sie bezichtigt die Regierung einer schleichenden Kampagne zugunsten einer Konversion zum Schiitentum, was allerdings von ausländischen Diplomaten in Damaskus nicht bestätigt wird.

In den achtziger und neunziger Jahren wurde Sayyida Zeinab die Operationsbasis verschiedener schiitischer Gruppierungen, die lose als Shirazis bezeichnet werden. Der Name rührt daher, dass sie alle Muhammad ash-Shirazi als Ayatollah und Quelle der Nachahmung akzeptierten. Die aus Kerbala stammende Shirazi-Familie hatte in der Geschichte der Region eine sehr wichtige Rolle gespielt. In den siebziger Jahren ging Muhammad ash-Shirazi aus dem Irak ins Exil nach Kuwait und verbreitete von dort aus revolutionäre Ideen. Sein Verwandter Muhammad Taki al-Modarresi übernahm die Führung einer geheimen revolutionären Organisation, die später in eine irakische, bahrainische und saudische Gruppe dreigeteilt wurde. Nach der islamischen Revolution in Iran 1979 lud Khomeiny die Shirazis nach Iran ein. Fortan arbeiteten diese unter der Ägide der Iraner am Export der iranischen Revolution in die Nachbarländer. Nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs 1988 aber änderte sich die iranische Politik. Viele Shirazis verliessen Iran und gingen nach Damaskus, London oder Washington. Sayyida Zeinab wurde ihre wichtigste Operationsbasis. Dort hatten sie ihre Büros und kulturellen Einrichtungen; dort rekrutierten sie auch neue Mitglieder aus den Reihen der Pilger. Auch radikalere Organisationen wie die Hizbullah-Netzwerke in den Golfstaaten benützten Sayyida Zeinab als Operations- und Rekrutierungsbasis.

Die Religionsschule Hawza Zeinabiyya

Die Fäden dieser klerikalen und politischen Netzwerke laufen in der Hawza (Religionsschule) Zeinabiyya zusammen, deren weisse Fassade sich an der Hauptstrasse Sayyida Zeinabs ausbreitet. Im Innern befinden sich ein grosser Betsaal, in dem Fotos vom verstorbenen Ayatollah Muhammad ash-Shirazi hängen, eine Bibliothek und verschiedene Büros. Die Hawza Zeinabiyya ist eine schiitische Religionsschule, in der Studenten aus aller Welt in islamischem Recht und den Koranwissenschaften ausgebildet werden. Sie wurde 1975 von Hassan ash-Shirazi gegründet und gehört zu den wichtigsten schiitischen Ausbildungsstätten, obwohl sie mit den Religionsschulen in Qom (Iran) und Najaf (Irak) nicht konkurrieren kann. Najaf war traditionellerweise die Hochburg schiitischer Bildung, doch litt es unter der Repression Saddam Husseins. Nach der iranischen Revolution gewann Qom in der schiitischen Welt enorm an Bedeutung und wurde von der dortigen Regierung finanziell und ideologisch unterstützt.

Vor der Hawza und in den in der Nähe gelegenen Buchläden treffen sich schiitische Geistliche, Verleger und Intellektuelle aus der ganzen Welt. Viele der früheren jungen Revolutionäre haben ihre politischen Ansichten geändert, sie sind in ihren Herkunftsländern Geistliche und Politiker geworden. Ein saudischer schiitischer Religionsgelehrter trifft auf einen ehemaligen Studienkollegen aus Teheran. Dieser ist Iraker und stammt aus der berühmten Geistlichenfamilie al-Hairi. Sie reden über die Studienzeit in Iran, die Haltung Ayatollah Sistanis gegenüber den Amerikanern und über die Situation der Schiiten in den Golfstaaten. In der nächsten Buchhandlung deckt sich der in Europa lebende langjährige Herausgeber einer der wichtigsten schiitischen Zeitschriften mit neuen Büchern ein.

Die ganze schiitische Welt scheint sich in diesem Vorort von Damaskus zu treffen, in dem alles anders ist als in der Touristenzone rund um die Omayaden-Moschee. Oder fast alles. Was beiden Orten gemeinsam ist, sind die vielen iranischen Pilger; man hört Persisch auf den Strassen und kann mit iranischer Währung bezahlen. Die iranischen Pilger strömen auch deswegen nach Sayya Zeinab, weil Syrien eines der wenigen Länder in der Region ist, die gute Beziehungen zu Iran unterhalten; sie können hier ohne Visum einreisen. Zudem ist Sayyida Zeinab Ersatz für die irakischen Pilgerstätten, die wegen der Sicherheitsrisiken nur von einer begrenzten Anzahl nichtirakischer Schiiten besucht werden.

Am Platz der Iraker warten Busse und Servicetaxis auf Kunden, die nach Bagdad und zu den schiitischen Pilgerstätten Najaf und Kerbala fahren wollen. Hier leben die eigentlichen Bewohner von Sayyida Zeinab, die irakischen Flüchtlinge, von denen seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 über eine Million in Syrien aufgenommen wurden. Überall gibt es hier irakische Restaurants, in denen man Falluja-Kebabs mit frischem irakischem Brot essen kann, und an den Wänden kleben neben den in Syrien omnipräsenten Plakaten des libanesischen Hizbullah auch solche mit dem Konterfei Muktada as-Sadrs und anderer irakischer Schiitenführer. In einer ungeteerten Seitenstrasse befindet sich das Büro des irakischen Ayatollahs Ali as-Sistani. Dort können dem Ayatollah Fragen gestellt werden, es werden aber auch Fatwas ausgestellt und Fragen des Personenstandsrechts geregelt. Im Umkreis von wenigen hundert Metern befinden sich die Büros weiterer wichtiger Ayatollahs wie Hussein Fadlallah, Muhammad Taki al-Modarresi und Sadek ash-Shirazi.

Droht Gewalt?

Das Viertel um den Schrein Sayyida Zeinab ist zusehends zum Flüchtlingslager geworden, bleibt aber ein Knotenpunkt der transnationalen schiitischen Netzwerke. Dass jetzt aber auch die Gewalt, die in den Nachbarstaaten herrscht, in das Wallfahrtszentrum eindringen könnte, beunruhigt. Selbst wenn der Anschlag vom Samstag nicht den Schiiten, sondern dem Regime galt, hat er doch die syrische Religionspolitik und Sayyida Zeinab ins Rampenlicht befördert. Viele befürchten, dass das bis anhin relativ friedliche Nebeneinander der Religionsgemeinschaften in Syrien dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht werden könnte.