Die gefährlichen Interventionisten vom Golf

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Neue Zürcher Zeitung
Mittwoch 1. April 2015

Mit der Militärintervention in Jemen markiert Saudiarabien seine regionale Vormachtstellung. Aber zugleich verschärft es die Spannungen mit Iran.

Die von Saudiarabien angeführte Militärintervention in Jemen, die in der Nacht auf den 26. März mit Luftangriffen begann, ist das jüngste Beispiel für die neue Regionalpolitik der Golfstaaten nach dem Arabischen Frühling. Von der Weltöffentlichkeit eher unbeachtet, haben die Golfstaaten eine neue, proaktive Aussenpolitik entwickelt. Diese Staaten hatten ihre Interessen bisher vor allem mit «Petrodollar-Diplomatie» und Waffenlieferungen geltend gemacht. Seit einigen Jahren haben sie aber militärisch in diversen Konfliktregionen eingegriffen und ihre Interessen aggressiver durchgesetzt.
Golf-Militäreinsätze seit 2011

Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) beteiligten sich mit Kampfflugzeugen und Spezialeinheiten an der Nato-Intervention in Libyen und waren auch symbolisch wichtig, um die Intervention weniger neokolonialistisch aussehen zu lassen. Im März 2011 rollten saudische Panzer (zusammen mit Einheiten aus den VAE, Kuwait und Katar) über die Brücke, die die saudische Ostprovinz mit dem Inselstaat Bahrain verbindet, und schlugen dort eine weitgehend friedliche Demokratiebewegung nieder. 2014 führten die Golfstaaten (ohne Kuwait und Oman) dann Luftangriffe in Syrien und im Irak durch, um die Rebellen des Islamischen Staates zu schwächen. Im selben Jahr flogen die VAE zusammen mit Ägypten auch Luftangriffe in Libyen.

Libyen ist ein Paradebeispiel dafür, welche Konsequenzen solche Interventionen haben können und wie persönliche Rivalitäten zwischen Herrscherfamilien am Golf die Aussenpolitiken einzelner Golfstaaten beeinflussen. Denn in Libyen hat Katar Libya Dawn, einem Rebellenverband, der auch Islamisten umfasst und die Hauptstadt Tripolis kontrolliert, den Rücken gestärkt, während die VAE sich hinter General Haftar, einen säkularen alten Militär und Weggefährten von Ghadhafi, gestellt haben. Die Luftangriffe der VAE und von Ägypten zielten denn auch auf Libya Dawn, mit dem Ziel, Haftar zu stärken. Die Angriffe haben das Land aber noch stärker polarisiert und den Bürgerkrieg angeheizt. Der Zerfall des Staates und die Omnipräsenz von Milizen erschweren eine politische Lösung in Libyen.

Das libysche Szenario sollte zu Vorsicht im Hinblick auf Jemen mahnen. Zum Erstaunen der meisten Beobachter haben Saudiarabien und die anderen Golfstaaten (Oman beteiligt sich als einziges Golfkooperationsrats-Mitglied nicht an der Operation) innerhalb weniger Tage eine breit abgestützte Militärallianz aufgebaut. Auf dem Papier wird dieser Allianz dadurch Legitimität verliehen, dass der Interimspräsident Hadi, der aus dem Land geflohen ist, um eine ausländische Militärintervention ersucht hat, mit dem Ziel, seine Regierung zu retten.

De facto geht es aber weniger um eine Lösung für Jemens Probleme als darum, zu verhindern, dass eine antisaudische Bewegung zur stärksten Gruppierung in Jemen wird. Gleichzeitig können die Golfstaaten und ihre sunnitischen Alliierten hier ihre militärische Kooperation erproben. Denn schon jetzt ist die Intervention in Jemen von historischer Bedeutung: Noch nie haben die Golfstaaten so offen mit eigenen Armeen in einem anderen Land interveniert. Und es gibt viele mögliche Konflikte, in denen die Golfstaaten in Zukunft ähnlich direkt intervenieren könnten, zum Beispiel in Libyen, Syrien oder im Irak.
Jemen und die Ironien der Geschichte

Die moderne Geschichte Jemens ist wie jene Afghanistans ein Lehrstück über die Gefahren, denen sich Invasionstruppen aussetzen. Die Jemeniten hatten in den sechziger Jahren die britischen Kolonialherren durch einen Guerillakrieg aus dem Land gejagt. Danach schickte Nasser ägyptische Truppen nach Jemen, um die republikanischen Truppen, welche im jemenitischen Bürgerkrieg den alten, von Saudiarabien unterstützten Monarchisten gegenüberstanden, zu stärken. Ironie der Geschichte: Viele alte Herrscherfamilien Jemens waren Zaidis, Anhänger einer muslimischen Sekte, deren Glauben sich von Sunniten und Zwölferschiiten gleichermassen abgrenzt.

Im Bürgerkrieg der sechziger Jahre ergriff Saudiarabien also die Partei der zaiditischen Monarchie, weil es im arabischen kalten Krieg darum ging, die Bedrohung der Monarchien durch linke und republikanische Bewegungen niederzuschlagen. Wenn der Konflikt in Jemen also heute vereinfacht als Erweiterung der sunnitisch-schiitischen Rivalität dargestellt wird, ist dem mit Vorsicht zu begegnen. Auch Saleh, der Ex-Diktator Jemens, 2011 durch Hadi ersetzt, aber im Hintergrund immer noch extrem einflussreich, gleichzeitig Zaidi und ursprünglich ein Vertreter des republikanischen Regimes, wurde jahrzehntelang von den Saudi unterstützt.

Die Huthi-Bewegung ist zwar eine neofundamentalistische, zaiditische Bewegung, doch sind ihre Beziehungen zu Iran weitgehend unbekannt. Vor allem in religiöser Hinsicht stehen die zaiditischen Gelehrten mit der schiitischen Orthodoxie in Iran nicht auf gutem Fuss, obwohl es Anzeichen einer Annäherung gibt. Iran hat in den letzten Jahren in Jemen an Einfluss gewonnen, ohne selber viel dazu beizutragen. Die Huthi sind ein lokales Phänomen mit einer starken Basis. Sie wurden während der jemenitischen Revolution von 2011 und dem darauffolgenden Chaos zuerst marginalisiert, witterten dann aber eine militärische Chance, um ihren Einfluss geltend zu machen.

Wenn etwas Iran dazu bringt, direkt oder indirekt in Jemen zu intervenieren, dann sind es wohl ausgerechnet die jüngsten Militärschläge. Den Ankündigungen aus dem Golf und Ägyptens zum Trotz dient die neue arabische Militärallianz nicht dazu, das Los der Jemeniten, Syrer oder Iraker zu verbessern; sie soll den Regional- oder sogar Grossmachtanspruch der Golfstaaten und ihrer Vasallen in Kairo symbolisch untermauern und deren Armeen auf weitere Interventionen vorbereiten.

Toby Matthiesen ist Research Fellow an der Universität Cambridge. Sein neustes Buch zur Geschichte der Schiiten in Saudiarabien, «The Other Saudis: Shiism, Dissent and Sectarianism», ist kürzlich bei Cambridge University Press erschienen.