Der Konflikt im Kaukasus reicht in den Nahen Osten

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Der Einsatz syrischer Söldner weckt schlimme Erinnerungen in Armenien.

Der Berg Ararat unweit der armenischen Hauptstadt Erewan gilt als heiliger Berg der Armenier. Doch der Berg steht seit der Auflösung des Osmanischen Reiches in der Türkei. Er erinnert sie nun auch an die Schrecken des Ersten Weltkrieges und die Übermacht der Türkei.

Zwischen dem Berg und der Grenze patrouillieren an diesem Tag im Frühling 2019 türkische Truppen. Armenische Rekruten machen auf der anderen Seite Selfies mit dem Ararat im Hintergrund. Ein armenischer Guide erklärt einer Touristengruppe, Armenier seien alte Christen und hätten viel mit dem Westen gemein, im Gegensatz zu den Türken auf der anderen Seite der Grenze.

Dass die Türkei Teil der westlichen Militärallianz Nato ist, erwähnt er nicht. Im Kalten Krieg verlief die Grenze zwischen Ost und West genau hier, an der armenisch-türkischen Grenze. Die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik war damals, so wie Aserbaidschan, eine Republik der Sowjetunion.

Auf dem Weg zurück nach Erewan fährt man an unzähligen Bars und Vergnügungslokalen vorbei, die in normalen Jahren zu einem grossen Teil auf iranische Touristen, die den strengen Sitten im Nachbarland entfliehen möchten, ausgerichtet waren.

Armenien ist eines der wenigen Länder, in die Iraner überhaupt noch problemlos reisen können. Die Wirtschaftssanktionen der USA haben jedoch die Kaufkraft der Iraner so geschwächt, dass sie in diesem Jahr ausblieben.

Zurück im Hotel überrascht ein neuer Gast: Dmitri Medwedew, damals russischer Regierungschef und rechte Hand von Putin. Das Hotel wimmelt nur von Bodyguards und Angestellten Medwedews. Russland ist Armeniens wichtigster Verbündeter, gerade in Militärangelegenheiten.

Ungewöhnliche Allianzen

Damals schien Armenien hoffnungsvoll, das Land hatte eine samtene Revolution hinter sich, der Konflikt um Nagorni Karabach schien nicht mehr oberste Priorität zu haben.

Doch mit dem Ausbruch der Kämpfe in der umstrittenen Region ist der Kaukasus wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Die Geschichte der Region ist besonders komplex und wurde oft instrumentalisiert.

Als in den späten 1980er Jahren der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien über Nagorni Karabach entbrannte und in den Jahren 1992 bis 1994 zum offenen Krieg führte, stellte sich Iran offiziell auf die Seite Armeniens.

Für Armenien, das sich von Feinden umzingelt sah, war die Nachschubroute aus Iran wichtig. Russland und die anderen früheren Sowjetrepubliken sowie die Türkei standen eher auf der Seite Aserbaidschans.

Auf den ersten Blick sind die Allianzen erstaunlich, denn Aserbaidschan ist neben Iran, dem Irak und Bahrain das einzige Land der Welt, in dem schiitische Muslime eine Mehrheit stellen.

Aber die Sowjetzeit hat die Religiosität der Aserbaidschaner abgeschwächt und stattdessen die sozialistische und speziell seit den achtziger Jahren auch die ethnische Identität gefördert.

Aseri sehen sich als eigenständige ethnische Gruppe, basierend auf dem Aserischen, einer Turksprache. Dies ist auch einer der Gründe, wieso der türkische Präsident Tayyip Erdogan und die Türkei Aserbaidschan unterstützen.

Erdogan nutzt den Pan-Turkismus (wie auch den Pan-Islamismus und Neo-Osmanismus) dazu, auch bei den nationalistischen Wählern zu punkten, die ihm oft kritisch gegenüberstehen.

Es scheint denn auch Erdogan zu sein, der das fragile Equilibrium im Kaukasus zum Kippen bringt und Aserbaidschan ermutigte, militärisch gegen Karabach vorzugehen.

Iran fürchtet Konflikt

Iran ist besonders besorgt über die Entwicklungen im Kaukasus, da ethnische Aseri bis zu einen Fünftel der iranischen Bevölkerung ausmachen. Die Aseri im Norden Irans fühlen sich den Aseri in Aserbaidschan verwandt, nicht zuletzt sprachlich.

Teheran fürchtete stets, dass die Unabhängigkeit Aserbaidschans nach dem Zerfall der Sowjetunion auch den Separatismus unter iranischen Aseri befeuern würde. Dies hat die Beziehungen zwischen Teheran und Baku stets behindert und die iranische Allianz mit Armenien gefördert.

Im jüngsten Konflikt zeigen sich iranische Aseri solidarisch mit Aserbaidschan, während Teheran zur Deeskalation aufruft und vermitteln will.

Für Iran und Russland ist insbesondere die direkte militärische Unterstützung der Türkei für Aserbaidschan ein Problem. Zudem gibt es Berichte auf Social Media, wonach syrische Söldner, die aus mit der Türkei verbündeten Brigaden der syrischen Opposition stammen, nach Aserbaidschan verfrachtet und dort an vorderster Front eingesetzt wurden.

Einige Syrer sollen bereits getötet worden sein. Diese beunruhigende Entwicklung verknüpft die Konfliktherde im Kaukasus und im Nahen Osten zusehends. In Syrien wie im Kaukasus stehen sich die Interessen der Türkei, Irans und Russlands gegenüber.

Obschon die Türkei und Iran auch gemeinsame Interessen haben, insbesondere in der Bekämpfung der PKK und alliierter Kurdenparteien, verkompliziert der Konflikt im Kaukasus die Beziehung zwischen den beiden Regionalmächten.

Die Nachricht von syrischen Söldnern weckt auch schlimme Erinnerungen unter Armeniern. Nach der Vertreibung und den Massakern an Armeniern gegen Ende des Ersten Weltkrieges flohen viele Armenier auch in die damals unter französischem Mandat stehenden Gebiete Libanon, Syrien und Alexandretta (das später Teil der Türkei wurde).

In all diesen Gebieten gab es daher grosse armenische Gemeinschaften, die im Laufe des 20. Jahrhunderts wichtige Teile der neuen Nationalstaaten wurden. Im syrischen Bürgerkrieg sahen sich Armenier aber der Gefahr ausgesetzt, von Oppositionellen als Unterstützer des Regimes angesehen und umgebracht zu werden.

In den letzten Jahren sind daher rund 22 000 syrische Armenier nach Armenien geflohen. Nun droht neues Ungemach. Die Kriege zwischen Aserbaidschan und Armenien in den achtziger und neunziger Jahren kosteten Zehntausende das Leben, Hunderttausende wurden vertrieben.

Völkerrechtlich gesehen, gehört Nagorni Karabach zu Aserbaidschan. Besiedelt ist das Gebiet aber überwiegend von Armeniern, die sich in den achtziger Jahren von Aserbaidschan abspalteten und Teil von Armenien bleiben wollen.

Dieser Status quo wird aber ausser von Armenien von kaum einem Staat anerkannt. Der neue Konflikt, mit dem Aserbaidschan anscheinend die Frage Karabach und andere von Armeniern besiedelte Gebiete, die Aserbaidschan für sich beansprucht, endgültig «lösen» will, könnte daher für die armenische Zivilbevölkerung in diesen Gebieten erneut zur Katastrophe werden.

Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, dichtbesiedelte zivile Gebiete bombardiert zu haben. Der 2018 an die Macht gekommene armenische Präsident Nikol Paschinjan sagt, dass Karabach Armenien sei. Der aserbaidschanische Präsident Alijew sagt, Karabach sei Aserbaidschan. Keine Seite will von ihren Maximalforderungen abrücken.

Die Versuche beider Seiten, den Konflikt nicht nur ethnisch, sondern auch religiös aufzuladen, im Sinne von Christen gegen Muslime, und basierend auf der Religion Unterstützung im Ausland zu suchen und Milizionäre anzuheuern, sind explosiv. Sie verschleiern aber die Ursachen des Konflikts und täuschen über die politischen Allianzen in der Region hinweg.

https://nzzas.nzz.ch/international/der-konflikt-im-kaukasus-reicht-in-den-nahen-osten-ld.1581069